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Grasscut
titel: 1 Inch / 1/2 Mile
label: Ninja Tune / Rough Trade
v.ö.: 09.07.2010
format: CD
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Es gibt Alben, die ihren Titel erst in allerletzter Minute verpasst bekommen. Manch einem genĂŒgt es schlieĂlich, wenn er einfach nur gut klingt. Und es gibt Alben, die im Grunde genommen bloĂ eine lose Ansammlung unzusammenhĂ€ngender Tracks sind â wobei der Titel gewissermaĂen jenen Zusammenhalt stiften soll, der rein musikalisch betrachtet fehlt.
In der Welt von Grasscut verhĂ€lt es sich grundlegend anders: Andrew Phillips, der Mastermind von Grasscut, macht nĂ€mlich nichts âeinfach soâ. Ausnahmslos alles, was er anpackt, steht in einem gröĂeren Zusammenhang. Phillips ist stets auf der Suche nach unerwarteten Konstellationen und gröĂeren ZusammenhĂ€ngen im Raum-Zeit-GefĂŒge, wenn auch meistens mit einem Augenzwinkern. Wenn also einer wie er die zwar etwas altmodische (wenngleich ultraprĂ€zise) MaĂstabsangabe â1 Inch / 1/2 Mileâ zum Albumtitel erhebt, darf man sicher sein, dass er uns damit etwas sagen will. Und zwar nicht nur, dass ein Zoll einer halben Meile entspricht.
â1 Inch / 1/2 Mileâ zeichnet die Route einer metaphysischen Sinnsuche nach; es ist eine transzendentale Reise durch die wirkliche Welt: Von der hĂŒgeligen Landschaft der South Downs in Sussex geht es in vereiste Bergregionen von Nordwales; von einem Park in Brighton, wo wir einem Mann mit einem metallenen Gehstock begegnen, gehtâs ins gebeutelte England der Nachkriegsjahre und zurĂŒck ins Hier und Jetzt. Eben noch schwebt man auf digitalen Nintendo-Teppichen durch die LĂŒfte, um gleich danach mit dem britischen Dichter Hilaire Belloc auf dessen geflĂŒgeltem Ross weiterzufliegen. Streicher und Klavier treffen auf satte Beats, rauschende Weiten, flirrenden Casio-Wahnsinn und Sample-Rundumschlag. Kurzum: Wer dieser musikalischen Landkarte folgt, den verschlĂ€gt es unweigerlich an Orte, an denen ĂŒberraschende Begegnungen und Einsichten vorprogrammiert sind. SchlieĂlich mischen sich im Verlauf der Reise immer neue Stimmen zu den Lead-Vocals von Phillips: Stimmen aus lĂ€ngst vergangenen Zeiten genauso wie solche, die nur aus dem digitalen Zeitalter stammen können. Sie kommen aus heimlich gezĂŒckten Mobiltelefonen, werden am Wegesrand aufgeschnappt, eiskalt mitgeschnitten oder aus den Rillen verstaubter VinylschĂ€tze zu neuem Leben erweckt â ein Tenor aus den 1920ern, tratschende MĂŒtter, ambitionierte Landschaftsentwickler mit Zukunftsvisionen oder auch der bereits erwĂ€hnte viktorianische Dichter.
Sie alle reisen mit Grasscut durch Raum und Zeit.
Legen wir den Finger doch mal auf den Ausgangspunkt und zeichnen die Route von â1 Inch / 1/2 Mileâ etwas genauer nach:
Der erste Track âHigh Downsâ entstand beispielsweise, als Phillips Vögel in den South Downs dabei beobachtete, wie sie einen Telefonmast umkreisten: âEs geht also um die beiden Pole Natur vs. Technologie.â WĂ€hrend damit bereits ein zentrales Motiv der LP erwĂ€hnt ist, gehtâs mit âOld Machinesâ weiter, auf dem Frank Byng (Snorkel) am Schlagzeug ausgeholfen hat: âDer Song entstand in der NĂ€he von Brighton, in einer lĂ€ndlichen Idylle, in der man dennoch permanent das Rauschen der Autos hören kann. WĂ€hrend die Streicher im Kontrast zu den Beats stehen, geht es inhaltlich um den Konflikt zwischen unseren Urinstinkten und der modernen Technologie. Was die beiden Amerikaner betrifft, die gegen Ende des Songs ĂŒber stĂ€dtebauliche MaĂnahmen in Sussex diskutieren, musste ich sie einfach aufnehmen und als Sample benutzen!â âMeltwaterâ hingegen entstand beim Bergsteigen in Wales, wo die erhabene Eislandschaft laut Phillips âwie ein Ballsaal voller Kronleuchterâ aussah, wĂ€hrend âThe Tin Manâ gleich auf dreierlei Inspirationsquellen basiert: âDas Quietschen am Anfang habe ich mit meinem Telefon im Centre Pompidou aufgenommen; es stammt von dieser gewaltigen Metallskulptur. Der Gesang ist von Graf John McCormacks âThe Little Silver Ringâ aus dem Jahr 1927.
Und dann war da noch dieser alte Mann mit dem Gehstock, dem ich in einem Park in Brighton begegnet bin: Seine Frau war gerade erst gestorben, und als ich seine Geschichte hörte, passte mit einem Mal alles zusammen.â Nach âMuppetâ, in dem Grasscut kommunikative Sackgassen der Neuzeit aufdecken und ausnahmsweise richtig losrocken, nahm Phillips fĂŒr seinen persönlichen Lieblingssong â1946â (bei dem Annie Kerr die Streicher-Parts ĂŒbernommen hat) seine eigene Mutter auf â ohne deren Wissen natĂŒrlich: âJa, das mit den heimlichen Handy-Mitschnitten ist definitiv noch so ein Motiv, das sich durch die gesamte Platte zieht.â Bevor wir eine nĂ€chtliche Autofahrt durch den Norden Englands antreten (âPassingâ), prĂ€sentieren uns Grasscut noch ein paar ihrer wichtigsten EinflĂŒsse auf âThe Door In The Wallâ: âKrautrock meets the Brians (Wilson and Eno) and Robert Wyattâ, so der Kommentar des Producers, der fĂŒr den letzten Track abermals ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit reist: Auf âIn Her Prideâ trifft das Gedicht âThe Winged Horseâ (1932) von Hilaire Belloc auf Ezra Pounds âEP: An Odeâ aus dem Jahr 1926. Insgesamt entwerfen Grasscut so eine klangliche Landkarte, in der moderne Technologien auf lĂ€ndliche Idyllen treffen, in der die Vergangenheit und die Zukunft eine Einheit, eine Art Zwischenreich bilden, wĂ€hrend die Reise durch Zeit und Raum zwischen Introspektion und fast schon ĂŒbermĂŒtigen Momenten oszilliert.
Hinter dem Namen Grasscut verbergen sich zwei Multiinstrumentalisten: Andrew Phillips und Marcus OâDair. Andrew Phillips hat als Komponist bereits an ĂŒber hundert Film- und Fernsehprojekten mitgewirkt und dafĂŒr etliche Preise abgerĂ€umt. AuĂerdem hat er frĂŒher bei One Giant Leap mitgewirkt. WĂ€hrend OâDair auf dem Album Kontrabass und Keyboards spielt, ist er live auch fĂŒr Stylophone und Megaphon verantwortlich.
Seit ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im August 2008 beim Loop Festival (Fourtet, Caribou, Holy Fuck) haben Grasscut in der Tate Britain, dem ICA, der Union Chapel, dem Koko sowie als Eröffnungs-Act auf der HauptbĂŒhne des Big Chill Festivals 2009 gespielt. DarĂŒber hinaus haben sie sich bereits die BĂŒhne mit Plaid, Clark, Luke Vibert, Tim Exile, Nathan Fake, Daedelus und dem Anti-Pop Consortium geteilt. WĂ€hrend Nathan Fake und Bibio Remixes fĂŒr Grasscut angefertigt haben, hat Phillips unter anderem bereits fĂŒr Bonobo und Jaga Jazzist an Remix-Versionen gearbeitet.
Neben Frank Byng und Annie Kerr waren auch Jeff Whyte und David Bramwell (Oddfellows Casino) an den Aufnahmen von â1 Inch / 1/2 Mileâ beteiligt.
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