Klassik, Rock, Hip Hop, Dancehall, Punk, Pop, Elektro - Detlev Buck bringt das in einem einzigen Film so zusammen. Wie finden wir das denn?
Das ist nicht nur toll, das ist der Soundtrack für “Knallhart”. Und der zeichnet sich eben nicht nur durch Härte aus, sondern kommt musikalisch schockierend bunt gemixt und damit so kontrastreich daher wie ein Umzug von Zehlendorf nach Neukölln. Zwischen Strawinksy, Eels, Culcha Candela, Brigde & Tunnel und den wunderbaren Score-Tracks von Bert Wrede liegen vielleicht Welten, vielleicht aber auch nicht, denn es funktioniert, wenn auch vielleicht gerade mal so wie Neukölln, wo “Knallhart” spielt und wo Gegensätze auch ständig drohen, die Welt einstürzen zu lassen. “No Wow” von The Kills, handelt von Desillusion und dem Gefühl der Enttäuschung und ist sicher eines der Kernstücke dieses Soundtracks. Mit “To Hell With Poverty” sprechen Gang of Four sicher nicht nur einer aus dem wohligen Besserverdienervorort rausgeschmissenen Kleinfamilie Polischka (gespielt von David Kross und Elvers-Elbertzhagen) aus dem Herzen sondern jedem, der am eigenen Leibe kennen gelernt hat, dass Armut keine Romantik kennt. Und Bucks Film romantisiert nicht, aber zeigt auch die kleinen Momente des Glücks, die inmitten des rauhen Neuköllner Herrmannplatzes passieren können. “Will you smile again?”, fragen Trail of Dead in ihrem Stück und mit genau dieser Frage lässt der Film am Ende auch seine Zuschauer über die Zukunft des Helden nach einem dramatischen Showdown im Ungewissen. Also: Klassik, Rock, Hip Hop, Dancehall, Punk, Pop, Elektro in einem einzigen Film? Intuitiv und ohne erhobenen Zeigefinger? Detlev Buck kann das!!
Der Soundtrack, der von Charlotte Goltermann und Katrin Erichsen stammt, die auch schon die Konzepte für z.B. die viel gehörten Soundtracks für „Herr Lehmann“ und “Die fetten Jahre sind vorbei“ gemacht haben, ist das erste deutsche Signing der englischen Plattenfirma Domino. Domino sind im Film ausführlich mit The Kills vertreten, auf dem Soundtrack mit zusätzlicher Musik der schlauen und wilden Sons And Daughters, Test Icicles, Clearlake und Beautiful Newborn Children, die lange für den Film zur Debatte standen.
Der Soundtrack besticht durch sein Chaos, lebendiges Durcheinander und Nebeneinander, man denkt immer: das geht doch nicht! Gerade durch die unvernünftige, ungewohnte Zusammenstellung wird es dann eben mehr als ein Soundtrack oder ein Film über die vermeintlich bösen Buben in den Randgebieten. Und das alles ohne Arthaus! Der Film ist untertitelt mit „ein Großstadtfilm“ und handelt von derer Rändern, wo der Film auch moralisch, menschlich und gesellschaftlich stattfindet und was von der Musik gespiegelt wird.
Auf der CD (die es in limitierter Auflage als Doppel-CD gibt) befindet sich neben der Musik aus dem Film und der Lieblingsmusik von Domino auch noch einiges an Bonus-Material: Buck und Kumpel beim völlig absurden Audio-Spaziergang durch Neukölln, das „No Wow“- Kills-Video mit Ausschnitten vom Film, vom Regisseur persönlich neu geschnitten und ein Making of.
Das umfangreiche, tolle Booklet haben Lichtrausch gemacht, es enthält Linernotes von Detlev Buck, Fotos mit neuem Blick auf den Zusammenhang von Musik und Drehort vom Kameramann Kolja Brandt und launigen Kommentaren von Detlev Buck.
Finden wir gut.
Hier einige Worte von Max Spallek, der neben Goltermann, Erichsen, Buck, Boje und Domino fĂĽr die Musik im Film verantwortlich ist:
„Wir brauchen eine große musikalische Überschrift, ein Schlagwort. So etwas wie.....“ „Laufen?“ „Ja. Laufen ist gut.“ Es hört sich etwas banal an, aber so ging es los. Polischka läuft.
Eigentlich die ganze Zeit. Gut, manchmal gönnt er uns eine kurze Pause, setzt sich hin, blättert in Zeitschriften, aber dann steht er wieder auf und läuft weiter.
Aber wie findet man dazu die passende Musik? Musik, die nicht für Jogger designt wurde, sondern das Getriebene und oft Ruhelose eines Bezirks wie Neukölln einfängt.
Ein Programmierabfallprodukt der CD-Player Entwicklung, das zufällige Abspielen, der Random-Modus, (oder neu) Shuffleplay waren bei der Songfindung extrem wichtig.
...Den iPod randvoll mit Liedern und Wiedergabelisten die im Entferntesten zum Film passen könnten und dann los. Durch Neukölln. Manchmal ganze Nachmittage und Abende. Vieles passte nicht, aber manchmal fügten sich Kopfhörersound und Neuköllnbilder perfekt im Kopf zusammen. Manches passte nur an einem Tag und wurde öde am nächsten. Einiges langweilte beim ersten Mal und wurde später brillant.
Die musikalische Stimmung im Film ändert sich oft, ist mal minimal dezent, dann wieder heroisch ausufernd. Positive Gefühle legen sich mit aggressiven Sounds an. Alles wechselt. Immer und schnell. So wie die Eindrücke bei einem Spaziergang durch Neukölln.
Bewusst wurden mögliche musikalische Grenzen über den Haufen geworfen. Egal ob Riff-Rock oder flirrende Elektronik, egal ob die schnelle dreckige Punknummer oder das elegante Kammerstück. Vieles verwirrt. Und ist doch aus einem Guss. Von der Kellerband aus Berlin ohne Plattenvertrag, bis zum amerikanischen Hitfabrikanten, alles und jeder kommt hier zusammen. Wie in Neukölln.
Nehmen Sie den Soundtrack, kaufen Sie sich ein Busticket nach Neukölln und laufen Sie mit den Songs durch diesen Bezirk. Sie werden sehen: Es funktioniert.